30.04.2012

Mehr als stille Teilhaber

Mit Crowd Investing gewinnen Unternehmerinnen zugleich Markenbotschafterinnen.

Warum zur Bank gehen, um Geld für eine Geschäftsidee zu bekommen? Immer mehr Unternehmen versuchen, private Investoren zu gewinnen. Eine Möglichkeit ist das so genannte Crowd Investing über soziale Netzwerke im Internet.

Der Grundgedanke dabei: Die Gründerinnen bekommen ihr Kapital nicht von Profis, Finanzierungs- oder Venture-Capital-Gesellschaften, sondern von vielen privaten Kleinanlegern, die sich jeweils mit kleinen Summen als stille Teilhaber ins Unternehmen einsteigen.

Im Idealfall gewinnen die Unternehmerinnen damit nicht nur Investoren, sondern zugleich auch ihre Markenbotschafter. Denn wer erzählt den Freunden und Bekannten nicht gerne von dem tollen jungen Unternehmen, in das er oder sie gerade Geld gesteckt hat?

Gerade für Internet-Startups bietet sich diese Form der Finanzierung an. Denn wer im Netz Geschäfte machen möchte, für den ist das Netz auch der ideale Marktplatz, um stille Teilhaber zu gewinnen. In Deutschland gibt es zwei Plattformen für das Crowd Investing: Seedmatch in Dresden und Innovestment in Köln.

Allein in den ersten drei Monaten 2012 haben sechs Jungunternehmer mehr als eine halbe Million Euro für ihre Geschäftsideen eingesammelt, bilanziert der Crowd Funding Monitor. Die stillen Teilhaber stellen den Gründern für einen definierten Zeitraum Kapital zur Verfügung, haben aber auf die laufenden Geschäfte keinerlei Einfluss. Die Gelder werden auf gesonderten Konten verwaltet, und die Investoren werden regelmäßig über die Geschäftsentwicklung informiert.

Funktioniert die Geschäftsidee, werden die Investoren im Verhältnis zu ihrer Einlage an den Gewinnen beteiligt. Im Fall einer Insolvenz können sie als Insolvenzgläubiger auftreten. Aber es gibt keine Garantie, dass sie ihr Geld wiederbekommen.

Lesen Sie auf den nächsten Seiten, wie das Crowd Investing abläuft.

Als erstes müssen Gründerinnen die Plattformbetreiber von ihrer Geschäftsidee überzeugen, besser noch begeistern. Die wollen den Businessplan und Marktanalysen sehen sowie Details zum Kapitalbedarf erfahren. Beides prüfen sie intern und geben es gegebenenfalls an externe Fachleute weiter.

Mit dem Businessplan begeistern

Mindestens ebenso wichtig wie die Geschäftsidee ist die Persönlichkeit der Unternehmerin. „Die Gründer müssen die direkte Kommunikation mögen und beherrschen", heißt es bei Seedmatch. Schließlich geht es darum, die künftigen Teilhaber von der Geschäftsidee zu begeistern.

Sind die Fachleute überzeugt, kann sich das Unternehmen auf der Plattform mit seiner Geschäftsidee präsentieren. Auch die interessieren Anleger müssen sich registrieren, um die Geschäftsunterlagen der jungen Unternehmen einsehen und prüfen zu können. Über die Plattform können sie auch direkten Kontakt zu den Unternehmerinnen aufnehmen, um weitere Details zu erfahren.

Für die Anleger ist die Nutzung der Plattformen kostenlos. Die Unternehmer hingegen müssen eine Provision zahlen, in der Regel zehn Prozent der Finanzierungssumme. Dafür erhalten sie unter anderem Musterverträge für die stillen Teilhaber, was wiederum Anwaltskosten spart.

In einem wichtigen Punkt unterscheiden sich die Plattformen: Sie gehen komplett unterschiedliche Wege beim Einsammeln des Geldes.

Lesen Sie auf der nächsten Seite, wie Seedmatch vorgeht.

Bei Seedmatch haben die Anteile am Unternehmen immer einen festen Preis: 250 Euro. Die Höchstsumme, die investiert werden kann, ist 10.000 Euro. Die Investoren überweisen die von ihnen gewünschte Summe auf ein Konto bei Secupay, einem Internet-Bezahlsystem. Das Geld wird von Seedmatch verwaltet.

Ist die Finanzierung erfolgreich, leitet Seedmatch das Kapital an das Unternehmen weiter. Kommt die gewünschte Summe nicht zustande, überweist Seedmatch an die Investoren zurück.

Fester Preis für Anteile

Doch wie viel Unternehmen bekommt frau für 250 Euro? Das hängt vom Unternehmenswert ab. Diesen legt Seedmatch fest, meist auf der Grundlage des Finanzierungsplans.

Ein Beispiel: Zum Zeitpunkt der Finanzierung liegt der Unternehmenswert bei einer Million Euro, benötigt werden 100.000 Euro. Um dieses Geld von privaten Investoren zu bekommen, gibt der Gründer folglich Anteile in Höhe von insgesamt 10 Prozent an seinem Unternehmen heraus. Ein 250-Euro-Anteil sind dann 0,025 Prozent und 10.000 Euro wären ein Prozent.

Angenommen, die Beteiligung ist auf drei Jahre festgelegt. Wie viel Geld erhalten die Investoren dann zurück? Das hängt vom Unternehmenswert nach Ablauf dieser drei Jahre ab.

Dieser wiederum errechnet sich mit Hilfe des EBIT, dem Jahresergebnis vor Zinsen und Steuern. Bei Seedmatch wird dieses Ergebnis mit sechs multipliziert, um den aktuellen Unternehmenswert zu ermitteln.

Friederike Lantzsch von Seedmatch hat dies für ein Startup beispielhaft vorgerechnet, das zum Zeitpunkt der Finanzierung mit 600.000 Euro bewertet wurde. Liegt der EBIT nach drei Jahren wie im Businessplan vorgesehen bei 1,4 Millionen Euro, dann beträgt der Unternehmenswert der 8,4 Millionen Euro - eine Steigerung um den Faktor 14. Aus einem Anteil von 250 Euro werden dann 3.500 Euro und aus 10.000 Euro 140.000.

Das ist aber eine sehr optimistische Annahme, räumt Lantzsch ein. Deshalb rechnet sie auch ein deutlich pessimistischeres Szenario durch: Der EBIT beträgt 300.000 und der Unternehmenswert damit 1,8 Millionen Euro. Er hätte sich also in drei Jahren verdreifacht. Unter diesen Voraussetzungen werden aus 250 Euro 750 Euro – und aus 10.000 Euro werden 30.000. Immer noch kein schlechtes Investment.

Lesen Sie auf der nächsten Seite, warum Innovestment zu einer Auktion einlädt.

Die Betreiber von Innovestment schlagen einen anderen Weg ein. Sie laden die potenziellen Investoren zu einer vierwöchigen Auktion ein. „Sie dient dazu, einen möglichst fairen Marktpreis zu ermitteln“, erläutert Daniel Appelhoff, Prokurist bei Innovestment.

Am Ende der Auktion steht der Preis für einen Anteil fest, den alle Investoren zahlen müssen. Erst dann fließt auch das Geld – und zwar direkt auf ein Konto des Unternehmens.

Fairer Preis für jeden Anteil

Ein Beispiel: Ausgehend von dem errechneten Unternehmenswert von einer Million Euro und einem Kapitalbedarf zwischen 50.000 und 100.000 Euro, sollen maximal 50 Anteile zu je 0,2 Prozent ausgegeben werden. Als Startpreis pro Anteil legen die Gründer 1.000 Euro fest. Nun läuft die Auktion in drei Phasen ab.

In der ersten Phase geht es darum, 50 Bieter zu finden, die bereit sind 1.000 Euro pro Anteil zu zahlen. Ist das erreicht, können die Interessenten höhere Gebote abgeben. Diese Gebote werden in zeitlicher Reihenfolge gelistet. So kann im Lauf der Auktion der Preis pro Anteil steigen.

Dies bedeutet gleichzeitig, dass am Schluss weniger Anleger tatsächlich Anteile kaufen können als ursprünglich geboten haben. Denn wenn nach Ablauf der vier Wochen der Preis pro Anteil auf 5.000 Euro geklettert ist, muss das Unternehmen nur noch 20 Anteile vergeben, um seinen Kapitalbedarf zu decken. Und die Bieter, die nicht unter den ersten 20 waren, gehen leer aus.

Der Vorteil der Auktion: Das Unternehmen testet gleichzeitig seine Geschäftsidee: Kann es Branchenfremde überzeugen? Damit wird Auktion auch ein erster Prüfstein für den Marktwert des Unternehmens. Denn wenn es am Schluss einen Anteil für 5.000 Euro verkauft, steigt zugleich der Unternehmenswert. Er läge dann bei fünf Millionen Euro. Wichtig wird dies, wenn die Gründer nach ein paar erfolgreichen Jahren ihr Unternehmen verkaufen möchten.

Lesen Sie auf der nächsten Seite, welche Grenze das Crowd Investing hat.

Mehr als 100.000 Euro lassen sich nicht über Crowd Investing einsammeln. Grund dafür ist das so genannte Verkaufsprospektgesetz.

Es verpflichtet Unternehmen, die innerhalb von zwölf Monaten Anteile für mehr als 100.000 Euro verkaufen möchten, einen detaillierten Verkaufsprospekt bei der BaFin vorzulegen – eine teure und aufwändige Pflicht, die dem Schutz der privaten Anleger dient.

Grenze für Finanzierung anheben

Nach Ansicht von Jens-Uwe Sauer, Geschäftsführer der Seedmatch GmbH, behindert sie Gründer regelrecht. „Viele kommen mit 100.000 Euro nicht aus“, so Sauer. Er fordert daher, beim Crowd Funding die Prospektgrenze auf eine Million Euro anzuheben und gleichzeitig zum Schutz der Investoren die individuellen Beteiligungen auf 1.000 Euro zu begrenzen.

Foto: fotolia (1)

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